Karriere Januar 30, 2026

Kann ich Fotografie als Vollzeitjob machen?

Melina Fassbinder 0 Kommentare

Stell dir vor, du stehst morgens nicht auf, weil der Wecker klingelt, sondern weil das Licht durchs Fenster fällt und du weißt: heute wird ein guter Tag für Bilder. Du packst deine Kamera, gehst raus, ohne Terminplan, ohne Chef, ohne Pendeln. Klingt wie ein Traum? Ist es auch - aber nur, wenn du die Realität nicht ignorierst.

Die Wahrheit über Fotografie als Vollzeitjob

Viele denken, Fotografie ist ein Beruf für Künstler, die einfach nur schön fotografieren und dann Geld verdienen. Doch die Realität sieht anders aus. Wer als Vollzeitfotograf überlebt, ist kein bloßer Bildermacher - er ist ein Unternehmer, ein Verkäufer, ein Buchhalter und oft auch ein Therapeut für nervöse Brautpaare.

Ein Studium der Fotografie hilft nicht automatisch. Auch ein teures Equipment macht dich nicht erfolgreich. Was zählt, ist, dass du mehr als nur Fotos machst. Du musst Kunden finden, mit ihnen sprechen, Termine einhalten, Rechnungen schreiben, Steuern bezahlen und dich ständig weiterbilden. Die Kamera ist nur ein Werkzeug - der Job ist der Rest.

Wie viel verdient ein Fotograf wirklich?

In der Schweiz liegt das Durchschnittseinkommen eines Vollzeitfotografen zwischen 50.000 und 80.000 CHF pro Jahr. Klingt gut? Bis zu 30 % davon gehen an Steuern, Versicherungen, Ausrüstung und Reisekosten. Ein Anfänger verdient oft weniger als 30.000 CHF - und arbeitet 60 Stunden pro Woche.

Es gibt Branchen, die besser zahlen. Hochzeitsfotografie bringt oft 2.000 bis 5.000 CHF pro Event. Porträtfotografie für Unternehmen kann 150-300 CHF pro Stunde einbringen. Architekturfotografie ist lukrativ, aber schwer zu erreichen - du brauchst eine beeindruckende Portfolio und Kontakte zu Architekten und Immobilienagenturen.

Die meisten Fotografen haben mehrere Einkommensquellen. Einige verkaufen Bilder an Stock-Fotoplattformen wie Shutterstock oder Adobe Stock. Ein Bild, das 100 Mal verkauft wird, bringt vielleicht 20 CHF. Das klingt wenig - aber wenn du 500 Bilder online hast, kann das monatlich 500-1.500 CHF bringen. Es ist kein schnelles Geld, aber es ist passives Einkommen - und das zählt, wenn du auf Rechnungen schaust.

Was du brauchst - außer einer Kamera

Ein Canon R5 oder Sony A7 IV ist kein Garant für Erfolg. Was du wirklich brauchst:

  • Eine klare Nische: Wer bist du? Porträts? Landschaften? Food? Industrie? Je spezifischer, desto leichter findest du Kunden. Ein Fotograf, der nur Hochzeiten macht, hat mehr Chancen als einer, der „alles macht“.
  • Eine Website: Sie muss professionell aussehen, schnell laden und deine besten Bilder zeigen. Keine Instagram-Albums. Eine eigene Domain, klare Kontaktformulare, Referenzen - das ist das Fundament.
  • Eine Marketingstrategie: Du kannst nicht auf Kunden warten. Du musst sie finden. Instagram hilft, aber nur, wenn du regelmäßig postest, mit anderen Fotografen vernetzt bist und lokale Events besuchst. Facebook-Gruppen, lokale Zeitungen, Kooperationen mit Brautstudios - das sind die echten Kanäle.
  • Eine Buchhaltung: Du musst wissen, was du pro Stunde verdienst. Rechne deine Kosten ein: Kamera, Speicherkarten, Reise, Versicherung, Steuern, Software, Weiterbildung. Wenn du 10 Stunden pro Woche fotografierst und 4.000 CHF im Monat brauchst, musst du 400 CHF pro Stunde verlangen - nicht 150.
Doppelbild eines Fotografen: eine Seite mit Brautpaar, andere Seite mit Rechnungen und Laptop nachts.

Die größten Fallen - und wie du sie vermeidest

Die meisten Fotografen scheitern nicht an der Technik. Sie scheitern an den folgenden Fehlern:

  • Zu wenig preisen: Wer zu niedrig kalkuliert, verliert Zeit, Energie und Respekt. Kunden denken: „Wenn es so billig ist, muss es auch schlecht sein.“
  • Keine Verträge: Ein mündliches „Ja, machen wir“ reicht nicht. Du brauchst einen schriftlichen Vertrag - mit Zahlungsbedingungen, Stornierungsregeln, Urheberrechten. Ein einfaches Template aus dem Internet reicht. Das kostet 20 CHF - und schützt dich vor einem Kunden, der nach der Hochzeit sagt: „Ich will die Bilder gratis.“
  • Keine Pausen: Du bist kein Roboter. Wer 365 Tage im Jahr arbeitet, verbrennt sich. Plan dir mindestens 4 Wochen Urlaub pro Jahr ein - und mach sie wirklich frei. Sonst wirst du müde, deine Bilder werden schlechter, und die Kunden merken es.
  • Keine Weiterbildung: Die Technik ändert sich. Die Kundenwünsche ändern sich. Was vor 5 Jahren „modern“ war, ist heute langweilig. Du musst lernen - und zwar kontinuierlich. Workshops, Online-Kurse, Feedback von Kollegen - das ist dein Lebenselixier.

Wie du anfängst - Schritt für Schritt

Wenn du heute anfängst, brauchst du keinen Vertrag mit einem großen Studio. Du brauchst:

  1. Ein erstes Portfolio: Mache 10-15 Bilder, die du liebst. Porträts von Freunden, Landschaften in der Nähe von Zürich, ein Essen in einem kleinen Restaurant. Mach sie gut - nicht viele, aber sorgfältig.
  2. Eine einfache Website: Nutze Squarespace oder Format. Kostet 15-25 CHF pro Monat. Lade deine besten 8 Bilder hoch. Schreibe drei Sätze über dich. Füge ein Kontaktformular hinzu.
  3. Erste Kunden finden: Biete Freunden oder Bekannten an, für 50 CHF ein Porträt zu machen - nur für dein Portfolio. Sag klar: „Ich übe noch, deshalb ist es günstig.“ Die meisten sagen ja. Sammle Feedback.
  4. Eine Nische wählen: Du merkst, dass du besonders gut bei Paaren bist? Dann bleib dabei. Du magst Kinderfotografie? Dann fokussiere dich darauf. Versuche nicht, alles zu sein.
  5. Langsam skalieren: Nach 6 Monaten hast du 15 Aufträge. Du verdienst 1.000 CHF pro Monat. Setze dein Honorar um 10 % hoch. Biete einen kleinen Paket an: 2 Stunden Fotografie, 20 bearbeitete Bilder, digitale Dateien - für 450 CHF. Verkaufe das.
Hände halten Kamera, die in einen Baum verwandelt wird, dessen Wurzeln aus Verträgen und Rechnungen bestehen.

Was passiert, wenn es nicht klappt?

Es ist okay, wenn es nicht klappt. Viele Fotografen machen es 2-3 Jahre und hören auf. Nicht weil sie schlecht sind - sondern weil sie nicht bereit waren, das ganze Paket zu akzeptieren: Business, Marketing, Verwaltung, Stress.

Du kannst trotzdem Fotografie lieben - und sie als Hobby behalten. Viele erfolgreiche Fotografen haben einen anderen Job - und fotografieren am Wochenende. Sie haben stabiles Einkommen, weniger Druck und bessere Bilder. Manchmal ist das die bessere Lösung.

Fotografie als Vollzeitjob ist möglich. Aber nur, wenn du bereit bist, dich nicht als Künstler, sondern als Unternehmer zu sehen. Wenn du bereit bist, dich zu verkaufen, zu organisieren, zu lernen und zu wachsen. Wenn du bereit bist, nicht nur zu fotografieren - sondern zu leben.

Wie du weißt, ob du bereit bist

Frage dich:

  • Magst du es, mit Menschen zu reden - auch wenn sie nervös sind?
  • Kannst du Rechnungen schreiben, ohne dich zu übergeben?
  • Willst du deine Freizeit opfern, um ein Bild zu machen, das kein anderer will?
  • Bist du bereit, monatelang wenig Geld zu verdienen, um später mehr zu haben?
  • Und: Kannst du dich vorstellen, in 5 Jahren immer noch hier zu sein - und nicht aufzugeben?

Wenn du bei mindestens drei Fragen mit „Ja“ antwortest - dann mach es. Nicht weil es leicht ist. Sondern weil du es willst.

Kann man mit Fotografie wirklich genug verdienen, um davon zu leben?

Ja, aber nur mit Strategie. Die meisten Vollzeitfotografen in der Schweiz verdienen zwischen 50.000 und 80.000 CHF pro Jahr - aber das ist nicht automatisch. Es braucht mehrere Einkommensquellen: Auftragsfotografie, Verkauf von Bildern, Workshops oder Lizenzverkäufe. Wer nur Hochzeiten fotografiert, hat ein unsicheres Einkommen. Wer sich auf Nischen wie Architektur, Industrie oder medizinische Fotografie spezialisiert, hat bessere Chancen auf stabile Aufträge.

Braucht man ein Studium, um Fotografie als Beruf zu machen?

Nein. Viele erfolgreiche Fotografen haben kein Studium absolviert. Was zählt, ist ein starkes Portfolio, Kundenvertrauen und professionelles Auftreten. Ein Studium kann helfen, Netzwerke aufzubauen und Technik zu lernen - aber es ist kein Schlüssel. Du kannst alles online lernen: von Belichtung bis Vertragsrecht. Die meisten Fotografen, die erfolgreich sind, haben sich selbst ausgebildet - und dann mit Praxis gelernt.

Wie lange dauert es, bis man als Fotograf Geld verdient?

Es dauert mindestens 6-12 Monate, bis du erste Einnahmen hast - und oft 2-3 Jahre, bis du ein stabiles Einkommen erzielst. Die ersten Aufträge kommen meist von Freunden oder Bekannten. Danach brauchst du Zeit, um ein Portfolio aufzubauen, eine Website zu optimieren und dich in deiner Nische zu etablieren. Wer geduldig ist und kontinuierlich arbeitet, schafft es. Wer schnell Erfolg will, gibt meist auf.

Sollte man mit Fotografie nebenberuflich anfangen?

Ja, das ist die klügste Methode. So behältst du deine finanzielle Sicherheit, während du lernst, wie der Markt funktioniert. Du kannst Testaufträge machen, deine Preise testen und deine Arbeitsweise optimieren - ohne Angst vor dem Ausfall. Viele erfolgreiche Fotografen haben erst nach 2-3 Jahren nebenberuflich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Das reduziert das Risiko und erhöht die Chancen.

Welche Ausrüstung braucht man wirklich?

Du brauchst nicht das teuerste Equipment. Ein guter Mittelklasse-DSLR oder Mirrorless-Kamera (z. B. Canon EOS R7 oder Sony ZV-E10), ein Standardobjektiv (z. B. 35 mm oder 50 mm) und ein Stativ reichen für den Anfang. Wichtig ist, dass du die Technik beherrschst - nicht, dass du das neueste Modell hast. Die meisten Kunden sehen nicht, welche Kamera du benutzt. Sie sehen das Ergebnis. Investiere lieber in Licht, eine gute Website und Weiterbildung als in teure Objektive.