Stell dir vor, du sitzt mit 30 Jahren vor deinem Bildschirm, starrst auf deine alten Fotos von Reisen, Hochzeiten, Sonnenuntergängen - und denkst: Fotografie wäre eigentlich mein Ding. Aber ist es nicht zu spät? Hast du schon zu lange gewartet? Die Antwort ist einfach: Nein. 30 ist absolut nicht zu alt, um Fotograf zu werden. Tatsächlich ist es oft der perfekte Zeitpunkt.
Die meisten Menschen, die mit 20 in die Fotografie einsteigen, machen das oft aus Neugier oder als Nebenjob. Diejenigen, die mit 30 anfangen, machen es aus einem tiefen inneren Antrieb. Sie wollen nicht nur Bilder machen - sie wollen Geschichten erzählen. Und das ist der Unterschied, der später zählt.
Es gibt drei große Lügen, die dich davon abhalten, anzufangen.
Mythos 1: „Junge Fotografen sind kreativer.“ Das stimmt nicht. Kreativität kommt nicht aus dem Alter, sondern aus der Perspektive. Ein 30-Jähriger, der schon einen Job verloren hat, eine Beziehung durchgemacht oder ein Kind geboren hat, sieht die Welt anders. Er sieht Emotionen, die ein 20-Jähriger noch nicht kennt. Die berühmten Fotografen wie Henri Cartier-Bresson oder Diane Arbus haben ihre besten Arbeiten nicht mit 22 gemacht - sondern mit 40, 50, sogar 60.
Mythos 2: „Du musst von klein auf üben.“ Falsch. Fotografie ist kein Klavierspielen. Du brauchst keine 10.000 Stunden, um gut zu werden - du brauchst 1.000 gute Bilder. Und die machst du in einem Jahr, wenn du jeden Sonntag rausgehst und dich zwingst, etwas Neues zu finden. Einige meiner Schüler, die mit 32 angefangen haben, hatten nach 14 Monaten eine eigene Ausstellung - nicht weil sie perfekt waren, sondern weil sie konsequent waren.
Mythos 3: „Die Branche ist nur für junge Leute.“ Wer das sagt, kennt die Realität nicht. In der Werbung, bei Hochzeitsfotografen, in der Dokumentarfotografie - überall braucht man Reife, Verantwortung, Zuverlässigkeit. Kunden wollen nicht jemanden, der nur cool aussieht. Sie wollen jemanden, der pünktlich kommt, die Kinder beruhigt, die Lichtverhältnisse versteht und im Stress ruhig bleibt. Das lernst du nicht in der Uni. Das lernst du im Leben.
Du brauchst keine teure Kamera. Du brauchst keine Ausbildung. Du brauchst nur drei Dinge:
Ich kenne eine Frau, die mit 34 als Buchhalterin angefangen hat, Porträts von Nachbarn zu machen. Sie hat einfach gefragt: „Darf ich dich fotografieren?“ 80 Menschen haben ja gesagt. Sie hat die Fotos in ein kleines Buch gepackt, es im lokalen Café ausgelegt - und nach sechs Monaten hatte sie ihre erste Bezahlung: 300 Franken für ein Hochzeitspaar, das sie über Instagram gefunden hatte.
Dein erstes Projekt sollte einfach sein: „30 Tage, 30 Menschen“. Jeden Tag ein anderes Gesicht. Frag niemanden nach Erlaubnis - frag einfach. Die meisten sagen ja. Und wenn nein? Dann machst du ein Bild von einem Fenster, einem Baum, deinem Kaffee. Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, zu beginnen.
Es gibt drei Dinge, die du wirklich lernen musst:
Was du ignorieren kannst: Alles, was mit „Fotografie-Tools“ oder „Beste Ausrüstung“ zu tun hat. Die meisten Profis arbeiten mit Kamera, die sie vor zehn Jahren gekauft haben. Die Ausrüstung ist nicht der Unterschied. Dein Auge ist es.
Verkauf nicht deine Kamera. Verkauf deine Persönlichkeit.
Starte mit Leuten, die du kennst: Freunde, Kollegen, Nachbarn. Biete an: „Ich mache dir drei kostenlose Fotos - du gibst mir Feedback.“ Du wirst überrascht sein, wie viele das annehmen. Und dann: Zeig deine Bilder. Auf Instagram. Auf einer einfachen Website mit 5 Bildern. In der lokalen Bibliothek. In einer Facebook-Gruppe für Zürcher Künstler.
Erstelle ein Portfolio mit nur 8 Bildern - aber sie müssen stark sein. Nicht 50 Bilder. 8. Und jedes davon sollte eine Geschichte erzählen: Ein Kind, das lacht. Ein älterer Mann, der seinen Hund streichelt. Ein Regentag in der Altstadt. Das ist es, was Menschen anspricht - nicht die Marke deiner Kamera.
Ja, du wirst nicht plötzlich reich. Ja, du wirst manchmal bei Regen draußen stehen und nichts bekommen. Ja, du wirst Leute treffen, die sagen: „Das kann doch jeder.“
Aber du wirst auch Momente erleben, die kein 20-Jähriger je hat: Ein 70-Jähriger, der dir sagt: „Das ist das erste Foto, das mich wirklich zeigt.“ Ein Paar, das dir sagt: „Das ist das einzige Bild, das wir von unserer Hochzeit behalten wollen.“ Ein Kind, das sich vor deiner Kamera verbeugt, als wärst du ein Zauberer.
Die Fotografie ist kein Beruf - sie ist eine Art, die Welt zu lieben. Und das kannst du mit 30, 40, 50 oder 60 genauso gut lernen wie mit 20.
Du brauchst keine Genehmigung. Du brauchst keine Ausbildung. Du brauchst nur den Mut, anzufangen - heute.
Ja, aber nicht sofort. Die meisten, die mit 30 anfangen, verdienen in den ersten 12 Monaten wenig oder gar nichts. Aber nach 18 bis 24 Monaten haben viele einen stabilen Nebenverdienst von 1.000 bis 3.000 Franken pro Monat - durch Hochzeiten, Porträts, lokale Events oder kleine Bildlizenzen. Es ist kein schneller Reichtum, aber ein echter, nachhaltiger Weg.
Nein. Kein Arbeitgeber oder Kunde fragt nach deinem Abschluss. Was zählt, ist dein Portfolio. Du kannst alles lernen: Online-Kurse von CreativeLive, YouTube-Tutorials, Bücher wie „Fotografie: Die Kunst des Sehens“ von Michael Freeman. In Zürich gibt es auch kostenlose Workshops im Kulturhaus oder bei der Volkshochschule. Der Schlüssel ist nicht der Titel - es ist die Praxis.
Du wirst nach drei Monaten besser sein als 80 % der Leute, die vor fünf Jahren angefangen haben. Du wirst nach einem Jahr von Freunden als „der Fotograf“ bezeichnet. Nach zwei Jahren wirst du merken, dass du nicht mehr „versuchen“ musst - du tust es einfach. Gut sein ist kein Ziel - es ist eine Gewohnheit.
Nicht gleich. Erst experimentiere. Probiere Porträts, Straßenfotografie, Stillleben, Natur aus. Nach sechs Monaten wirst du merken, was dich am meisten begeistert. Dann konzentriere dich darauf. Spezialisierung kommt nach der Entdeckung - nicht vorher.
Sie warten auf „den richtigen Moment“. Sie sagen: „Wenn ich mehr Geld habe“, „Wenn ich mehr Zeit habe“, „Wenn ich die perfekte Kamera habe“. Der einzige richtige Moment ist heute. Der beste Fotograf der Welt hat nicht mit der besten Ausrüstung angefangen - er hat mit dem, was er hatte, und mit dem Mut, loszulegen.